Seit Beginn des Corona-Lockdowns wurde viel über die Situation von Familien spekuliert. Nun erscheinen nach und nach erste wissenschaftliche Untersuchungen, die erforschen, wie es Familien in Corona-Zeiten geht. Dazu zählt die Studie „Kinder, Eltern und ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie“, kurz KiCo-Studie.

Die KiCo-Studie wurde von der Stiftung Universität Hildesheim und der Universität Frankfurt Ende April, gut fünf Wochen nach dem Beginn des Lockdowns, durchgeführt. Bei den bisher veröffentlichten Ergebnissen handelt es sich noch nicht um die abgeschlossene Auswertung, sondern um einen ersten Einblick. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Familien mit Kindern unter 15 Jahren.

An wen richtete sich die Studie?

Die KiCo-Studie richtete sich an Mütter und Väter in ganz Deutschland mit Kindern unter 15 Jahren. Sie wurden darum gebeten, über sich selbst und jedes Kind in der Familie im vorgegebenen Alter Auskunft zu geben. Die Befragung erfolgte mittels eines Online-Fragebogens, der ab dem 24. April 2020 für zehn Tage zugänglich war. Die Pressestellen der ausführenden Universitäten streuten den Link zur Befragung so weit wie möglich.

Wer hat an der Studie teilgenommen?

Über 25.000 Elternteile haben an der Befragung teilgenommen. Zum überwiegenden Teil handelte es sich dabei um erwerbstätige Mütter in Paarbeziehungen. Die meisten Befragten gaben an, aus Hessen, Nordrhein-Westfahlen, Baden-Württemberg oder Bayern zu kommen. Die rege Teilnahme an der Befragung und eine teils intensive Beantwortung des Fragebogens wertete das KiCo-Forschungsteam als hohen Mittelungsbedarf der Familien.

Zu den ersten Ergebnissen der Studie zählt, dass die befragten Familien einerseits gemeinsame Erfahrungen gemacht haben. Andererseits gibt es auch wesentliche Unterschiede dabei, wie sie die ersten Wochen der Ausgangssperre erlebt haben.

Eine Gruppe hat diese Zeit als schön empfunden und konnte sie als Familie genießen. Sie denkt darüber nach, den Alltag nach der Pandemie zu verändern (mehr Freiheiten für die Kinder, weniger Termine in der Freizeit), und dass Familien möglicherweise mehr Entscheidungsfreiräume haben sollten (Betreuung der Kinder zu Hause, Legalisierung des Homeschoolings). Eltern aus dieser Gruppe beschreiben den Alltag vor dem Lockdown als stressig, wo Familienalltag, Schulanforderungen, Berufstätigkeit und Partnerschaft vereinbart werden müssen.

Die andere Gruppe der Familien hat große Mühe durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. Die Eltern sind seelisch und körperlich erschöpft, haben Schuldgefühle gegenüber den Kindern und bangen um ihre Existenz. Sie wünschen sich die Betreuungsangebote und Schulinfrastruktur für Kinder und Jugendliche zurück. Selbst wer von der Notbetreuung Gebrauch machen darf, fühlt sich nicht genug entlastet. Eltern aus dieser Gruppe belastet auch die Ungewissheit, wann Kitas und Schulen wieder öffnen werden und wie es dann für ihre Familie genau aussehen wird.

Laut Studie haben die befragten Familien gemein, dass sie sich mit ihren Fragen und dem neuen Alltag in der Pandemie nicht gesehen fühlen. Sie finden, dass auf die Familie als „weit verbreite Lebensform und als Institution mit gesellschaftlichen Aufgaben“ nicht angemessen reagiert wird. Während Maßnahmen in anderen Bereichen gelockert werden, bleibt die Politik den Familien zum Zeitpunkt der Studie Antworten schuldig.

Zufriedenheit mit der Betreuungssituation

Den Familien geht es unterschiedlich gut mit der Corona-bedingten Schließung von Kindertagesstätten, Schulen und anderen Angeboten der Kinderbetreuung – das KiCo-Forschungsteam will hier weitere Analysen durchführen und in den nächsten Wochen veröffentlichen. Die ersten Ergebnisse zeigen aber, dass die Zufriedenheit mit der Betreuungssituation bei den Familien mit Kitakindern niedriger ist als bei denen mit Schulkindern.

Die berufliche Situation des antwortenden Elternteils zum Zeitpunkt der Befragung wirkt sich ebenfalls auf die Zufriedenheit mit der Betreuungssituation aus: Am zufriedensten sind diejenigen, die sich vor allem um den Haushalt kümmern und Sorgearbeit leisten. Berufstätige sind durchgängig weniger zufrieden. Das Arbeiten von zu Hause aus, zusammen mit der Betreuung der Kinder, ist laut den ersten Studienergebnissen eine starke Belastung, die sich in niedrigeren Zufriedenheitswerten widerspiegelt. Bei Familien, in denen sich die berufliche Situation nicht verändert hat, nimmt die Unzufriedenheit mit steigender Kinderzahl zu.

Unterschiedlich starke finanzielle Belastung

Nach mehreren Wochen Lockdown geben die Familien an, dass die Eltern mit der Stimmung zu Hause weniger zufrieden sind als die Kinder. Die Eltern haben außerdem deutlich weniger Rückzugsorte für sich als ihr Nachwuchs und sind am unzufriedensten mit ihren Kontakten außerhalb der Familie.

Das KiCo-Forschungsteam hat die Familien auch nach ihren Geldsorgen seit der Pandemie gefragt. 33,9 Prozent gaben an, größere Geldsorgen zu haben, darunter vor allem Familien mit nur einem erziehenden Elternteil. 30,5 Prozent hatten zum Studienzeitpunkt keine finanziellen Probleme.

In ihrem Fazit zu den ersten Ergebnissen der Studie schließen die Wissenschaftler, dass sich in Familien die sozialen Folgen der Regulationen der Pandemie bündeln. Familien würden sich als eine Art Seismograph erweisen, der anzeigt, worin die gesellschaftlichen Probleme derzeit bestehen.

Die Veröffentlichung zu den ersten Ergebnissen der die KiCo-Studie ist hier aufrufbar. Noch mehr wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es in der Studie „Eltern während der Corona-Krise. Zur Improvisation gezwungen“ vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.