Wie bewertet der DFV den neuen Kinderbonus? Werden Familien in der Corona-Politik angemessen berücksichtigt? Diese und andere Fragen beantwortet DFV-Präsident Klaus Zeh im Interview.

Die Koalitionsspitzen haben neue Corona-Hilfen für die Familien beschlossen, darunter einen einmaligen Kinderbonus von 150 Euro. Wie bewerten Sie das? Ist das angemessen?

Klaus Zeh: Beim ersten Lockdown betrug der Kinderbonus 300 Euro. Es ist schwer einzusehen, weshalb es jetzt nur noch die Hälfe sein soll. Eigentlich müsste den Familien im gleichen Umfang geholfen werden wie im Frühjahr 2020. 300 Euro wären auch dieses Mal angemessen. Der Vorteil einer pauschalen finanziellen Unterstützung ist, dass sie wenig bürokratisch und schnell umgesetzt werden kann. Dennoch sollte man für Fälle, in denen es besondere Härten und damit Sonderbedarfe gibt, die Möglichkeit schaffen, diese geltend zu machen.

In der nächsten Woche steht eine weitere Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel an, bei der neue Beschlüsse fallen sollen. Was erwarten Sie sich aus Sicht der Familien?

Zeh: Es bedarf meines Erachtens eines starken Zeichens der Länder, denn Familienleistungen und Bildung sind deren Sache. Deswegen wäre es gut, wenn die Länder zusagen würden, den geplanten Kinderbonus aus ihren Mitteln auf eine angemessene Höhe von 300 Euro aufzustocken. Sie könnten hier konkret werden. Ansonsten erhoffe sich mir im Interesse der Familien, dass mit klaren Regeln ein Signal ausgesendet wird, ab wann eine Öffnung von Kitas- und Schulen möglich sein könnte. Familien brauchen eine gewisse Plan- und Berechenbarkeit. Und diese Regeln müssten landesweit gelten, denn das Virus verhält sich überall gleich.

Werden die Familien in der Corona-Politik angemessen berücksichtigt?

Zeh: Familien werden zwar immer benannt, aber am Ende fehlt oft die fürsorgende Hand der Politik. Die Politiker müssen erkennen, dass die Familie die kleinste, wichtigste Zelle unserer Gesellschaft ist. Der Deutsche Familienverband setzt sich deshalb für einen Familiengipfel ein. Wir brauchen ein solches Treffen, das in den Blick nimmt, wie es nach der Pandemie weitergeht, wie bei Öffnungen von Kitas und Schulen vorgegangen wird. Denn die Probleme verschwinden nicht mit der Überwindung der Pandemie. Familien sind die systemrelevanteste Gruppe in unserem Land. Je besser sie durch die Krise kommt, desto besser ist das für die gesamte Gesellschaft. Wenn sie aber krank wird, erkrankt die Gesellschaft. Das wird viel zu wenig erkannt.

Wie wichtig ist für Sie, dass bei ersten Öffnungsschritten bei Schulen und Kitas begonnen wird? Und muss das schnell passieren?

Zeh: Wie schnell man das machen kann, hängt von der Pandemieentwicklung ab. Es muss so schnell wie möglich geschehen. Unsere Gesellschaft ist eine arbeitsteilige. Aber jetzt müssten Familien plötzlich wieder alle möglichen Aufgaben übernehmen: Als Familienmanager müssen sie Lehrer, Erzieher, Krankenpfleger, Gastronomen, Psychologen und Computerspezialisten sein. Corona stellt für sie eine ungeheure Belastung dar – und das seit fast einem Jahr. Sie brauchen Hilfe und Perspektiven, wie es weitergeht.

Was könnte geschehen, um Familien besser zu fördern?

Zeh: Der Deutsche Familienverband hat einen ganzen Katalog an Vorschlägen. Dazu gehört eine Ermäßigung der Mehrwertsteuer für Kinder-Produkte auf sieben Prozent, aber auch ein Familienfreibetrag bei den Sozialversicherungen. Nicht zuletzt braucht es Verbesserungen bei der digitalen Bildung. Wir brauchen Angebote, die auf Kinder zugeschnitten sind, frei von Werbung und Gebühren.

Rechnen Sie mit bleibenden Beeinträchtigungen für die Familien nach dem Ende der Pandemie?

Zeh: Wie die Auswirkungen im Einzelnen aussehen werden, ist noch nicht eindeutig absehbar. Ein wichtiger Bereich werden die Folgen der jetzigen Kontaktbeschränkungen und Distanzregeln sein. Menschen, die in Vereinsamung geraten, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Die Hoffnung, dass mit den Impfungen alle Corona-Probleme ausgestanden sind, wird nicht erfüllt.

Interview: Gernot Heller, Korrespondentenbüro Herholz

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